09/2003 momag
Scheiden tut weh
Musik- und Unterhaltungsindustrie haben sich auseinandergelebt. Nach gut 100 Jahren eheähnlicher Symbiose mangelt es an gegenseitigem Vertrauen. Zeit, sich auf die Trennung vorzubereiten.
Ein kurzer Rundlauf auf der IFA brachte braven Tonträgermanagementangestellten das Gruseln bei. Tapfer verteidigt man die reine Lehre der präemptiv entstandardisierten Audio-CD vertritt (du sollst keine Computer neben dir dulden). Derweil vernetzen die Unterhaltungselektroniker Haus und Hof, kippen ein Wireless-LAN ins Wohnzimmer und verheiraten damit PC, TV und HiFi-Hometheatre.
![]() PHILIPS Streamium |
Ja dürfen die das denn so einfach? Nehmen wir Philips. Streamium heissen die kleinen Boxen, die man mit Fernseher und HiFi-Anlage verbindet. Auf dem Heim-PC, da wo die kleinen bösen MP3-Files lauern, installiert man sich eine Software. Über Wireless-LAN sehe ich auf dem Fernseher einen Film vom im PC eingebauten DVD-Laufwerk. Oder ich höre über die Hifi-Anlage gerippte Alt-CDs oder heruntergeladene Musik. Neue Original-CDs funktionieren im PC-Laufwerk ja leider nicht. Wer nun denkt, dass bei Philips die PC-Freaks das Heft an sich gerissen haben (oder Microsoft sich die Holländer gekauft hat), ist schief gewickelt. Am drahtlos vernetzten Heim sind alle dran. |
Philips steht nur am weitesten vorne an der Front. Auch Sony verkauft ein ähnliches Stückchen Unterhaltunsgelektronik, allerdings vorerst nur als Bundle mit einem PC. Thomson ist noch im Konzept-Stadium, geht dafür nächstes Jahr mit ultraschneller drahtloser Übertragung an den Start. Samsung hat eine Art drahtloser Über-Box als Prototyp im Säckel, Panasonic setzt gleich auf ganze Home Server, die das gesamte Haus drahtlos mit Audio und Video versorgen können. Und mit Hauppauge und Pinnacle suchen zwei Vorreiter aus dem PC-Lager Zugang zum Consumer-Wohnzimmer. Was bisher bastelfreudigen oder besserverdienenden Technik-Freaks vorbehalten war, steht nun beim MediaMarkt ums Eck.
| Tatsächlich sind die Unterhaltungselektroniker selbst getriebene. Der Einzug von PC und MP3, von Internet und DSL, hat das Leben für die Hersteller der Braunen Ware nicht leichter gemacht. Die Kompetenz, Benutzeroberflächen für digitale Heimelektronik zu programmieren, steckt noch in den Kinderschuhen. Im TV-Bereich bricht das Geschäft mit den Röhrenfernsehern weg, und der aufstrebende digitale Rundfunk sorgt für weitere Komplexität. Zu allem Überfluss droht auch nun Michael Dell mit einem Totalangriff auf die Margen der UE-Hersteller. Im PC-Bereich hat Dell die Wettbewerber schon an die Wand gefahren. Nun will er die Wohnzimmer-Kunden erobern. Mit Microsofts Windows XP Home Media Center Edition steht auch die Standardsoftware zum Vertreib von PC-basierten Heimservern bereit. | ![]() SONY vernetzt Hometheatre und PC |
Zum vernetzten Heim gehört aber noch viel mehr, als nur die Wohnzimmer-HiFi-Anlage
mit dem PC im Arbeitszimmer zu verbinden. Ein kurzer Exkusrs in die Theorie
mag da nützen. Nehmen wir uns erstmal des Themas Netzwerke an und schweifen
kurz ins Computerdeutsch ab:
- PAN: Personal Area Networks verbinden Geräte, die sozusagen in Rufweite
voneinaner aufgebaut sind. Kabellos geht das zum Beispiel mit Bluetooth.
- LAN: ein Local Area Network wäre zum Beispiel das vernetzte Heim (oder
Büro).
- WAN: Wide Area Networks führen, wie der Name schon sagt, ein bisserl
weiter. Eine Internet-Verbindung zu einem entfernten Webserver wäre ein
Beispiel, aber auch Rundfunktechnologien wie DVB und DAB und der Mobilfunk
kommt hier als Übertragungsmechanismus mit ins Spiel.
Dazu packen wir nun drei Gerätekategorien:
- Handheld: PDAs, Walkmen und MP3-Player, aber auch Handies. Kurz: alles,
was man an Gadgets in einer Hand halten kann.
- Portables dagegen passen nicht mehr in die Hosentasche (sind demzufolge
nur „schleppbar“, wie Nokias Göran Wahlberg so schön
umschreibt). Klassische Vertreter sind der Laptop oder die Boombox.
- Stationär: die Kemzelle für alle vernetzen Heime. Im AV-Cluster
finden wir Stereoanlagen, Fernseher, DVD und Videorecorder, im IT-Cluster
PC, Monitore, Drucker, Brenner und Scanner aber auch die Telekommunikationsanlagen.
Und auf keinen Fall vernachlässigen darf man den In-Car-Cluster.
![]() Fuji FinePix 40i: Kamera + MP3 |
Der Netzwerkgedanke illustriert am besten den Quantensprung, der in Unterhaltungselektronik und Musikindustrie ansteht. In der alten analogen Welt war alles ganz einfach: ein Radio ist ein Radio ist ein Radio. Hier sendet der Sender, da empfängt der Empfänger. Gesendet wir ein Radioprogramm. Was sonst? Punkt. Die digital vernetzte Welt kennt keine solchen Grenzen. Nehmen wir DVB-T, das digitale terrestrische Fernsehen. Der Sender sendet einen Datenstrom. Der kann nun aus einem TV-Programm bestehen. Muss aber nicht. Es könnte auch ein Radioprogramm sein. Oder Daten aus dem Internet. Oder komplette CDs. Hauptsache, das Empfangsgerät kann etwas damit anfangen. |
Damit nicht genug. Die unterschiedlichen Übertragunsgwege kann ich auch noch mehr oder minder in hybride Übertragungswege kombinieren. Ein Beispiel: über mein Handy bestelle ich ein kostenpflichtiges (und deswegen verschlüsseltes) Programm, welches über DVB-T ausgestrahlt wird. Das Handy empfängt den Schlüssel und sendet ihn per Bluetooth an eine Settop-Box. Im Testlauf funktioniert das schon heute in Berlin, abgerechnet wird über die Mobilfunkrechnung. Was erklären mag, warum gerade die Mobilfunker in der vernetzten Welt eine Schlüsselposition einnehmen: das Handy ist sowohl Netzwerkterminal wie virtueller Geldautoamt – und immer und überall mit dabei.
| Das schöne für den Benutzer dieser komplexen Netze ist: er merkt nichts davon. Nehmen wir als simples Beispiel die beiden US-Pay-Radioanbieter Sirius (www.siriusradio.com) und XM Radio (www.xmradio.com/). Beide bieten gegen Monatsgebühr Satellitenradio fürs Auto (und inzwischen auch für zu Hause). Beide betreiben aber eigentlich ein hybrides Netz, mit Satellitenfeeds und tausenden an Bodenstationen. Dem Abonnenten ist dies herzlich egal. In Europa bereiten Fraunhofer und Alcatel eine europäische Variante des Satellitenradios vor. Minimum 120 Euro kosten die Sat-Jahresabos – gut das doppelte des durchschnittlichen Tonträgerspendings. | ![]() NOKIA 8310: GSM + FM |
Und wo bleibt die Musikindustrie? Den letzten grossen Schritt in neue Systemwelten gingen UE und Musikindustrie noch gemeinsam. Mit der CD startete die Digitalisierung der Wohnzimmer, und fast ein jeder hat sich eine goldene Nase damit verdient. Von den Patenthaltern wie Philips und Sony über die Geräteindustrie bis zur Musikbranche. Gut, schon damals sind ein paar fusskranke Mitläufer im Musikindustriellen Komplex auf der Strecke geblieben. Wer heute die Website www.dual.de besucht, landet bei Karstadt in der TV, DVD & HiFi-Abteilung. Plattenspieler gibt’s bei eBay in der virtuellen Grabbelkiste, oder für teuer Geld von Technics als Basisausstattung für den DJ in Dir.
![]() Contentproduktion (heute?) |
Spricht man mit den Entwicklern innerhalb der UE-Hersteller, so erntet man zum Thema Musikindustrie gern grimmiges Grinsen. Nehmen wir das Beispiel MP3: Die digital vernetzte Unterhaltung ist keine Zukunft mehr, wir stecken mitten im Umschwung. Im Juni diesen Jahres zählte MP3-Mitentwickler Thomson weltweit gut über 100 Millionen installierte MP3-Player, vom kleinen Porty über CD-Spieler, Autoradios, DVD-Player bis zu Handies. Für Gesamt-2003 prognostiziert Thomson einen Wachstumsschub von 50 Prozent. Nicht eingerechnet sind dabei reine Softwarelösungen für PCs und PDAs ... Wachstumsprognosen von 50 Prozent? Für Audioabspielgeräte? Haben wir da was verpasst? Sieht fast so aus. |
Die vernetzen Entertainmentwelten rütteln an den Grundfesten des Musikalisch Industriellen Komplexes: der heiligen Dreeinigkeit der simplen Monetarisierbarkeit von Hardware, Tonträgern und damit auch Tönen.
MP3-Player sind ein gutes Beispiel dafür, wie es weiter geht. Tatsächlich handelt es sich um nichts anderes als eine Kombination von Software (dem Decoder), einer Benutzeroberfläche und einem beliebigen Speichermedium. Deshalb gibt es schon heute Digitalkameras und DVD-Player, die MP3 spielen können. Mehr Funktionen ohne zusätzliche Hardware einbauen zu müssen ist ein kaum schlagbares Argument. Und die Entwicklung bleibt nicht stehen. DAB-Empfäönger kosten heute noch mehr als 100 Euro. In zwei Jahren werden Handies für lau DAB empfangen können. Das Single Purpose Device (Schallplattenspieler: Plattenspielen; UKW-Radio: Radio hören; Fernseher: Fernsehen) ist Vergangenheit. In der digitalen Gerätewelt ist alles ein Computer. Und damit programmierbar. Und vernetzbar. Die dödelige Wertabschöpfungskette der Musikindustrie Anno 2003 hat damit natürlich ein Problem. Nehmen wir als ausdifferenziertes Gegenbeispiel Hollywood: Kinostart, Buy-DVD/Video, Video on Demand, Videothek, Pay per View, Pay TV, Free TV (Network), Free TV (Cable). Die Idee des Tonträgers als alleinseligmachendes Monetarisierungsmedium wirkt dagegen nicht allzu frisch.
Wer braucht denn eigentlich eine Musikindustrie? 1898 war die Antwort simpel. Emil Berliner entwickelt das Grammophon; Grammophone brauchen Musik; Berliner gründet die Deutsche Grammophon. EMI entstand aus The Gramaphone Company, Hersteller von Grammophonen und später auch Schreibmaschinen. RCA entstand 1929 aus einer Fusion der Grammophonhersteller RCA und Victor Talking Machine Corporation.
Was lernen wir aus dem historischen Exkurs? Musik gab es schon immer, und wird es auch immer geben. Eine Musikindustrie ohne passenden Grammophonhersteller ist dagegen ein historischer Irrtum. Doch die alte Partnerschaft hat ausgedient. Bei Sony, dem letzten vollintegrierten Player im Musikalisch Industriellen Komplex, zeigt sich der Spaltpilz am deutlichsten. „Becky Anderson und ihr erster Musik Download auf MiniDisc“ ist schon eine schnuckelige Kampagne. Unter „Musik-Mix leicht gemacht“ behauptet Sony, dass man mit Sony Vaio PCs und Notebooks und einem Produkt wie dem Net MD Walkman „eigene Musiksammlungen von Ihren Lieblings-CDs oder von autorisierten Audiodateien aus dem Internet zusammenstellen können“. Dafür muss sie natürlich erstmal den Computer-Abspielschutz ihrer neuen CD knacken ... Sehr witzig. Musik und Medien prägen zwar unseren Alltag, unsere Kultur. Aber vergessen wir nicht: als Industrie sind sie Pipifax. |
![]() Ein historischer Irrtum . |
Nehmen wir mal Vodafones operativen Gewinn aus dem laufenden Geschäftsjahr: 13 Milliarden Euro. Das entspricht gut mehr als einem Drittel des gesamten Tonträgerumsatzes weltweit. Momentan sind die Mobilfunker noch in der Wertberichtigungsphase. Aber spätestens, wenn die Majors alle ihre Presswerke verkauft haben, die Tonträgerverkäufe noch weiter in den Keller gerasselt sind und Klingetöne nicht nur in Grossbritannien mehr Umsatz bringen als CD-Singles, spätestens dann wird es Zeit für einen neuen Bunds fürs Leben. Bye bye, Braune Ware – willkommen, Mobilfunker dieser Welt.
Hubert Gertis